Geschichte des Klettersteigs
Von den Schlachtfeldern zu den Sportrouten – das faszinierende Schicksal einer unter Granaten geborenen Disziplin.
Der Begriff «Via Ferrata» – auf Italienisch «eiserner Weg» – bezeichnet heute einen Klettersteig, der mit Stahlseilen, Trittstufen und Metallleitern im Fels gesichert ist. Hinter dieser sportlichen Definition verbirgt sich eine aussergewöhnliche Geschichte, eng verwoben mit den grossen Tragödien des 20. Jahrhunderts, dem Genius der Militäringenieure und der Leidenschaft der Bergsteiger.
Die wichtigsten Daten
Erste dokumentierte Eisenverankerungen in den österreichischen Alpen – Trittstufen zur Erleichterung der Besteigung des Dachsteins.
Feste Haken am Monte Cristallo (Dolomiten) durch Bergführer – erster Schritt zur systematischen Felsausrüstung.
Italien erklärt Österreich-Ungarn den Krieg. Die Front verläuft durch die Dolomiten : Militäringenieure rüsten die Felswände in grossem Massstab aus.
Hunderte Kilometer Stahlseile, Leitern und Tunnel werden von Alpini und Kaiserjäger in den Fels gehauen.
Italienische und österreichische Alpenvereine rehabilitieren die Militärwege und öffnen sie für die Öffentlichkeit.
Erste Klettersteig-Topoführer erscheinen in Italien. Die Disziplin erhält einen eigenen Namen und eine eigene Identität.
Expansion nach Frankreich, in die Schweiz und nach Deutschland. Nationale Alpenvereine rüsten systematisch neue Wege aus.
Der UIAA veröffentlicht einheitliche Bewertungsempfehlungen. In der Schweiz verwendet der SAC die Skala K1–K6 ; international ist die österreichische A–F-Notation die Referenz.
Über 10 000 ausrüstete Wege in Europa. Der Klettersteig ist eine der am schnellsten wachsenden Bergsportdisziplinen weltweit.
Die Anfänge : Alpinismus im 19. Jahrhundert
Noch bevor der Krieg diese Praxis übernahm, entstand die Idee, Felswände mit Eisenstützen auszurüsten, bereits im 19. Jahrhundert in der Alpenwelt. Bergsteigerpioniere begannen, Haken, Ringe und kurze Leitern in den schwierigsten Passagen zu befestigen, um wohlhabenden Kunden die Gipfelbesteigung zu ermöglichen.
Die ersten dokumentierten Eisenverankerungen werden auf etwa 1843 datiert, im österreichischen Dachsteinmassiv. 1869 gingen Bergführer am Monte Cristallo in den Dolomiten einen Schritt weiter und installierten die ersten permanenten Ausrüstungen an einem für die Touristenkundschaft geöffneten Weg. Diese Initiativen blieben jedoch vereinzelt und handwerklich – der Krieg musste kommen, um diese vertrauliche Praxis in ein grossangelegtes Netzwerk zu verwandeln.
1915–1918 : Der Dolomitenkrieg, die Geburtsstunde
Am 23. Mai 1915 erklärt Italien Österreich-Ungarn den Krieg. Die Frontlinie erstreckt sich über fast 600 Kilometer, ein bedeutender Teil davon mitten durch die Dolomiten – diese Kalksteinkathedralen, die mehr als 3 000 Meter aufragen. Für beide Seiten war die Frage unmittelbar : Wie bringt man Soldaten, Material und Munition durch senkrechte Felswände unter extremen Winterbedingungen?
Die Antwort war der Militäringenieurbau. Die italienischen Alpini auf der einen Seite, die Kaiserjäger und Standsschützen auf der anderen, stürzten sich in ein titanisches Bauprojekt. Stahlseile, geschmiedete Trittstufen, Metallleitern, Seilbahnen, Hängbrücken und in den Fels gesprengte Tunnel : innerhalb weniger Kriegsjahre rüsteten diese Männer Hunderte von Kilometern Felswände aus.
Zu den bemerkenswertesten Bauten gehört die Strada delle 52 Gallerie am Monte Pasubio : ein Netz von 52 Galerien und sechs Kilometern Weg, den die Alpini zwischen 1917 und 1918 in den Fels gruben. An der Marmolada errichteten österreichische Soldaten eine unterirdische Stadt im Gletscher – die Città di Ghiaccio – für bis zu 12 000 Mann. Nach dem Waffenstillstand blieben Tausende Meter Seile und Eisenverankerungen im Fels verankert.
« Die Alpinisoldaten haben im lebenden Fels die Grundlagen einer Disziplin geschaffen, die heute die ganze Welt ausübt. »
– Museo della Guerra Bianca, Adamello (Italien)
Die langsame Demokratisierung (1945–1980)
Italien tritt aus dem Krieg mit einem einzigartigen Erbe hervor : Tausende Kilometer ausrüstete Wege, die in Massiven liegen, welche in Friedenszeiten zu aussergewöhnlichen Spielfeldern werden. Der Club Alpino Italiano (CAI) und der Österreichische Alpenverein (ÖAV) nehmen sich dieses Erbes an und beginnen, die zugänglichsten Militärwege zu rehabilitieren, zu sichern und zu markieren.
Die Via Ferrata delle Bocchette Centrali im Brentamassiv wird zum Symbol dieser Erneuerung. Erst ab Ende der 1960er Jahre erhält die Disziplin einen eigenen Namen und eine eigene Identität.
Europa rüstet sich aus (1980–2000)
In den 1980er Jahren überschreitet der Klettersteig die italienischen Grenzen. In Frankreich erscheinen die ersten systematischen Ausrüstungen in den Südalpen und in den Kalkschluchten des Vercors. Österreich entwickelt ein dichtes Netz in den Ostalpen. Deutschland folgt in den bayerischen Alpen.
Die 1990er Jahre bringen eine regelrechte Explosion : Spanien, Slowenien und viele andere Länder schliessen sich an. Spezialisierte Ausrüster bringen die ersten Y-Sicherungsschlingen mit Energieabsorber auf den Markt – eine Revolution für die Sicherheit.
Die Schweiz : an der Kreuzung von drei Alpentraditionen
Die Schweiz nimmt eine einzigartige geografische und kulturelle Stellung in der Geschichte des Klettersteigs ein. Als Bergland par excellence ist sie gleichzeitig Erbin der alemannischen Klettersteig-Tradition, der frankophonen Via-ferrata-Tradition und der italienischsprachigen Tessiner Tradition, die direkt mit den Dolomit-Ursprüngen verbunden ist.
Der Schweizer Alpen-Club (SAC), 1863 gegründet – einer der ältesten Alpenvereine der Welt –, spielte eine Pionierrolle. Ab den 1980er Jahren treten die Berner Voralpen, die Walliser Alpen, Graubünden, Freiburg und das Tessin in die moderne Klettersteigära ein.
Der SAC verwendet die Hüsler-Skala – K1 (leicht) bis K6 (extrem schwierig) –, wobei K für Klettersteig steht. Sie entspricht exakt der österreichischen A–F-Skala (K1 = A bis K6 = F). Der UIAA mit Sitz in Bern seit 1932 veröffentlichte 2002 internationale Bewertungsempfehlungen, die nach und nach von allen europäischen Verbänden übernommen wurden.
Die moderne Ära : Sicherheit, Bewertung und Demokratisierung
Seit den 2000er Jahren erlebt der Klettersteig ein weltweites Wachstum. Die Kombination aus technischer Zugänglichkeit, Schwindel und aussergewöhnlicher Landschaft zieht jedes Jahr neue Ausübende an, von Familien bis hin zu erfahrenen Bergsteigern. Die Y-Sicherungsschlinge mit Energieabsorber, heute obligatorisch, nimmt bis zu 80 % der Fallenergie auf.
2009 wurden die Dolomiten von der UNESCO als Weltnaturerbe eingetragen. Die Disziplin entwickelt sich weiter : Wasserfall-Klettersteige, Nachtklettersteige, historisch-thematische Routen – jedes Jahr entstehen neue Wege, die das alpine Erbe der Welt bereichern.